| |
Stadtteilarchiv
Eppendorf
Martinistraße 40 (Hinterhof)
20251 Hamburg
Tel. 040/480 47 87 / Fax. 040/46 31 06
E-Mail: Stadtteilarchiv.Eppendorf@web.de
Sprechstunden: dienstags 15.30-18 Uhr und nach Vereinbarung
Rundgänge
2010

Auf
den Spuren von Wolfgang Borchert
Ein literarischer Spaziergang
Treff: Tarpenbekstraße 82 (Geburtshaus)
So., 30. Mai, 14.00 Uhr
So., 26.September, 14.00 Uhr
Dauer ca. 2 Std.
Wohnstifte
in Eppendorf
Zur Geschichte der Wohltätigkeit
Treff: Kulturhaus Eppendorf - Martinistr. 40
So., 20. Juni, 15 Uhr
So., 19. September, 15.00 Uhr
Dauer ca. 1,5 Std.
Unterirdischer
Luftschutzbunker Tarpenbekstraße
Die "Subbühne" - ein anderes Mahnmal für Wolfgang
Borchert
Besichtigung und Führung
Führung und
szenische Lesung
Hans Erich Nossack - Der Untergang, Hamburg
im Jahre 1943
Mo., 29. März, 18.30 Uhr
Treff: Tarpenbekstraße 68
Dauer: ca. 1 Std. (warme Kleidung!)
Führung und
Besichtigung
Mo., 12. April, 18.30 Uhr
Mo., 26. April, 18.30 Uhr
Mo., 8. November, 18.30 Uhr
Mo., 22. November 18.30 Uhr
Treff: Tarpenbekstraße 68
Dauer: ca. 1 Std.
Jüdische
Spuren in Eppendorf
Treff: U-Bahnhof Kellinghusenstraße (Ausgang Goernestraße)
So., 9. Mai, 15.00 Uhr
So., 5. September, 15.00 Uhr
Dauer ca. 2 Std.
Die
Hoheluftchaussee
Ackerland, Villenviertel, Einkaufsstraße
Treff: Hoheluftchaussee/Ecke Martinistraße
So., 4. Juli, 16.00 Uhr
Dauer ca. 2,5 Std.
Die Eppendorfer
Landstraße
Lebensader des Stadtteils
Treff: Eppendorfer Landstraße 42 (vor dem Knauer-Denkmal)
So., 13. Juni, 16.00 Uhr
Dauer ca. 2,5 Stunden
Kulturgeschichte
des Dorfes - Begräbnisse auf dem Eppendorfer Friedhof 1837-1895
Ein Rundgang
mit Bildern und Biografien aus dem alten Dorf
Treff: Vor der St. Johanniskirche Eppendorf, Ludolfstraße 66
So., 27. Juni, 16 Uhr
Dauer ca. 1,5 Stunde
--------------------------------------------------------------------------------------
Kostenbeitrag für alle Rundgänge 4,- Euro pro Person. (Ausnahme
"Die Familie...)
Einige Rundgänge können
Sie auch für Ihren Betriebsausflug
oder Ihre Geburtstagsfeier buchen. Der Preis beträgt dann 100,- Euro.
Benennung des Marie-Jonas-Platz
Eine
Initiative von Stadtteilarchiv und Kulturhaus Eppendorf hatte Erfolg:
Der Regionalausschuss Eppendorf/Winterhude der Bezirksversammlung Hamburg-Nord
hat am 6.10.2008 beschlossen den neuen Platz vor dem ehemaligen Karstadtgebäude
in Eppendorf nach Marie Jonas zu benennen. Damit wird eine Eppendorferin
geehrt, die als Ärztin im Universitätskrankenhaus arbeitete
und von den Nationalsozialisten in Auschwitz umgebracht wurde. Für
die Benennung haben wir 800 Unterschriften gesammelt und zahlreiche Unterstützung
erhalten. Wir danken allen, die sich dafür eingesetzt haben.
Biographisches
über Marie Jonas (Text in Englisch)
...nicht nur „die
Frau von...“
Wer durch Hamburgs
Straßen geht, dem fallen vor vielen Wohnhäusern die viereckigen
Metallplatten auf, die an ermordete oder in den Selbstmord getriebene
Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Mehr als 2500 dieser „Stolpersteine“
hat der Kölner Künstler Günter Demnig inzwischen in der
Stadt verlegt.
Im Herbst 2007 rief der Bezirk Nord dazu auf, Vorschläge zur Benennung
eines neuen Platzes im Stadtteil Eppendorf einzureichen. Der Parkplatz
vor dem ehemaligen Karstadtgebäude sollte zum neuen Mittelpunkt und
Aushängeschild des Viertels umgebaut werden. Da seit einigen Jahren
eine Arbeitsgruppe des Stadtteilarchiv Eppendorf die Lebensläufe
der Menschen, für die ein solcher Stolperstein liegt, erforscht,
herrschte dort bald Einigkeit, dass der Name des Platzes an einen von
ihnen erinnern sollte. Ein Frauenname wurde gesucht, denn immer noch tragen
Straßen in Hamburg in großer Mehrzahl die Namen von Männern.
Bald fiel die Wahl auf Dr. Marie Anna Jonas, die mit ihrer Familie im
Woldsenweg, ganz in der Nähe des neuen Platzes, gewohnt hatte. In
der Literatur fand sie - wenn überhaupt - bisher nur als Ehefrau
des letzten Schulleiters der Talmud Tora Schule Erwähnung. Dass sie
viel mehr war als nur „die Frau von...“ , geht aus der folgenden
Biografie hervor, die während der Feierstunde zur Platzbenennung
am 18. Februar 2009 verlesen wurde.
Dr. Marie Anna Jonas war sozial und politisch vielfältig engagiert.
Sie liebte ihren Beruf als Ärztin und kämpfte dafür, ihn
auszuüben. Nach 1933 verwehrte man ihr und vielen anderen EppendorferInnen
ihren Platz in der Gesellschaft. Sie musste Ausgrenzung und Entrechtung
ertragen, wurde ausgeplündert, vertrieben und schließlich ermordet.
Mit dieser Benennung hat sie wieder einen Platz in Eppendorf bekommen,
in bester Gesellschaft ihrer ärztlichen Kollegen, nach denen in der
Umgegend diverse Straßen benannt sind.
Wer war Marie Jonas?
Dr. Marie Anna Jonas, geborene Levinsohn, wird am 12. Januar 1893 in Fischhausen/Ostpreußen
als drittes von insgesamt vier Kindern einer liberal-jüdischen Familie
geboren. Fischhausen, damals die Kreisstadt des Samlandes, hatte im Jahr
1890 2874 Einwohner, davon 28 Katholiken und 20 Juden. Der Vater Benno
betreibt die Apotheke des Ortes. Im „Pharmaceutischen Kalender 1893“
steht unter Fischhausen verzeichnet:“ Levinsohn, B., mit Filiale
Kraxtepellen“.
Ab 1895 wohnt die
Familie im 35 km entfernten Königsberg. Marie besucht dort die höhere
Mädchenschule mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar. Im Oktober
1911, also mit 18 Jahren, besteht sie die Lehrerinnenprüfung. Von
1912 bis 1914 lebt sie zur weiteren Ausbildung in England und Frankreich.
Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester ist sie im Ersten Weltkrieg
in Königsberg als Rote-Kreuz-Schwester tätig, unter anderem
als Operationsschwester. Im September 1917 nimmt sie ihre Vorbereitungen
zur Abiturprüfung wieder auf. Ostern 1919 besteht sie, inzwischen
26 Jahre alt, die Reifeprüfung. Anschließend beginnt sie an
der Universität Königsberg ein Medizinstudium, was zur damaligen
Zeit durchaus nicht selbstverständlich ist. Frauen durften überhaupt
erst ab 1908 in Preußen Medizin studieren! Da sie häufig bei
Professoren und Kommilitonen auf Ablehnung stießen, setzte dies
besonderes Durchsetzungsvermögen voraus. Marie Levinsohn promoviert
1922 über Komplikationen bei eitriger Mittelohrentzündung .
1923 erfolgt ihre Approbation, im gleichen Jahr heiratet sie Dr. Alberto
Jonas. Sie hatte den vier Jahre älteren Altphilologen, Oberlehrer
an der traditionsreichen Hamburger Talmud Tora Schule, während einer
Zugfahrt nach Bad Harzburg kennen gelernt. Als ihr Mann 1924 Direktor
der Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße wird,
tritt sie den Posten der Schulärztin an. Am 13. März des Jahres
wird das einzige Kind Esther geboren. Diese sagt über ihre Eltern:
" Meiner Meinung nach passten sie überhaupt nicht zusammen,
waren aber scheinbar ganz glücklich miteinander. Mein Vater war ein
strenger und sehr frommer Jude, meine Mutter hatte keine Ahnung vom Judentum
[...]. Mein Vater versuchte, ihr Hebräisch beizubringen und ihr zu
erklären, wie man in der Synagoge betet, aber ich glaube, sie war
gar nicht interessiert."
Bis 1929 wohnt die Familie in der Grindelallee 12 und zieht dann nach
Eppendorf in den Woldsenweg 5, ganz in die Nähe des jetzigen Marie-Jonas-
Platzes.
Marie Jonas ist eine
sehr sympathische, vielseitig interessierte und engagierte Frau . Sie
ist sehr kinderlieb und hört gern klassische Musik. Zusammen mit
ihrem Mann besucht sie häufig Konzerte, geht ins Theater und in die
Oper. Ihr Lieblingsmusikstück ist Mozarts „Kleine Nachtmusik“.
Als Jugendliche hat Tochter Esther dieses Stück zu einem Hochzeitstag
ihrer Eltern am Klavier einstudiert. Die geplante Überraschung hat
nicht ganz geklappt, weil die Mutter das Üben vorher – mit
Esthers Freund Heinz an der Violine – hören konnte!
Marie Jonas hat viele Freunde, meistens Ärzte, aber auch Lehrerinnen
aus der Schule Carolinenstrasse, die jede Woche zum Essen kommen. Die
patente Frau Doktor kauft Waschmittel, Zahnpasta usw. en gros ein, und
das wird dann verteilt und verrechnet. Der Haushalt ist sehr modern ausgestattet:
Außer einem elektrischen Kühlschrank und einem Dampfbügeleisen
gibt es sogar schon eine Zickzack-Nähmaschine! Liebend gern hätte
sie ihre aus Königsberg mitgebrachten Möbel durch moderne ersetzt,
aber dazu kommt es nie.
" Meine Mutter
war immer allen voraus" sagt die Tochter. Sie ist sehr gern geschwommen,
auch als sie schwanger war. Das war damals noch nicht " in Mode"
[ bzw. wohlmöglich sogar anstößig].
Als „sehr zärtlich und sehr liebevoll“ beschreibt ihre
Tochter sie. Wenn Esther krank ist bleibt die Mutter zu Hause, geht nicht
zur Arbeit, obwohl die Familie ein Kindermädchen beschäftigt.
Ihr Mann nennt sie „das sanfte Miechen“ .
Und Humor hat sie! „ Wir fuhren mal nach Norderney, als ich noch
ziemlich klein war ", erzählt die Tochter. „ Meine Mutter
häkelte immer Handschuhe, so weiße für den Sommer. Diesmal
häkelte sie Eierwärmer. Das wollte ich auch. Meine Anni, unser
Kindermädchen, war auch dabei. Also zeigten sie mir, wie man häkelt,
und anstatt eines Eierwärmers wurde meins ein Fingerhut! Mutti und
Anni haben sich totgelacht! "
Die als Fünfzehnjährige verwaiste Marie Jonas ist sehr stolz
auf ihren Werdegang. Durch den frühen Tod der Eltern hatte sie schon
in jungen Jahren für sich selbst sorgen müssen. Sie legt Wert
darauf, dass der Titel „Frau Dr. Jonas“ Ergebnis ihrer eigenen
Leistung und nicht durch Eheschließung erworben ist. In ihrem sozialen
Engagement orientiert sie sich nicht an der Haltung ihres Mannes, der
vehement jede innerjüdisch-politische Positionierung ablehnt. Nach
Aussagen ihrer Tochter war sie Mitglied der WIZO (Women`s International
Zionist Organisation) und ließ sich zur Gruppenvorsitzenden wählen.
Das Israelitische Familienblatt verzeichnet sie im Oktober 1938 als Vorstandsmitglied
des Hamburger Zionistischen Ortsverbandes. Gemeinsam mit ihrem Mann gehört
sie der Henry-Jones-Loge an, der wichtigsten jüdischen Vereinigung
in Hamburg. Dort ist sie aktiv als „Mitglied im Vorstand der Schwestern“
sowie in derem „Ausschuss für geistige und soziale Interessen.“
Schon im Ersten Weltkrieg
ist Marie Jonas massivem Antisemitismus von Soldaten begegnet, die sich
nicht von jüdischen Rote-Kreuz-Schwestern behandeln lassen wollten.
Obwohl sie für diese Tätigkeit 1934 das „Ehrenkreuz“
verliehen bekommt, ist sie sich früh der Gefahr bewusst, die der
Machtantritt der Nationalsozialisten für Juden bedeutet. Sie drängt
zur Auswanderung, will nach Palästina, was für ihren Mann jedoch
nicht zur Debatte steht.
Von widrigen Umständen
ließ sie sich nicht unterkriegen, wie nicht nur ihre berufliche
Laufbahn beweist :
Ihre Arbeit als Schulärztin hatte Marie Jonas verloren: Seit Mai
1932 konnten verbeamtete Frauen infolge von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit
aus dem Staatsdienst entlassen werden, wenn das Familieneinkommen durch
den Ehemann gesichert war. Daraufhin wirkt sie ehrenamtlich weiter, zunächst
am Universitätskrankenhaus Eppendorf, dann am Israelitischen Krankenhaus
in der Simon-von-Utrecht-Straße. Nachdem 1938 jüdischen Ärzten
die Zulassung entzogen wird, ist sie als Krankenschwester tätig und
versorgt – insbesondere nachts - alte Menschen in deren Wohnungen.
In den Räumen der Israelitischen Töchterschule unterrichtet
sie Biologie und Gesundheitslehre. Ihre Schüler sind jugendliche
Teilnehmer an Berufslehrgängen zur Vorbereitung der Auswanderung,
darunter auch Tochter Esther.
Als die Lebensbedingungen für jüdische Menschen immer schwieriger
werden schafft sie es trotzdem irgendwie, ihre Familie zu versorgen. Ihr
Mann lebt koscher. Nach dem Hamburger Verbot der Schächtung lässt
sie sich manchmal Wurst von Verwandten zuschicken, solange das noch möglich
ist. Später erlaubt Alberto Jonas seiner Frau und Esther, nicht koscher
zu essen. Über diese letzte Zeit sagt die Tochter: "Was meine
Mutter gekocht hat, ich hab keine Ahnung".
Für Familie Jonas
gibt es kein Entkommen, viel zu spät war ein Ausreiseantrag in die
USA gestellt worden. Im Frühjahr 1942 wird sie aus der Wohnung am
Woldsenweg vertrieben und muss in eine kleine Wohnung im sogenannten Judenhaus
am Laufgraben 39 ziehen. Dort ist es wiederum die praktische Marie, die
weiß, wie der Kanonenofen zum Heizen und Kochen benutzt wird.
Einige Monate später, am 19.Juli 1942, deportiert man sie mit ihrem
Mann und ihrer Tochter nach Theresienstadt . Nach sechs Wochen verstirbt
Dr. Alberto Jonas dort an Hirnhautentzündung.
Marie Jonas gibt auch
im Ghetto nicht auf und beginnt, als Ärztin zu arbeiten. Wie schon
ihr ganzes Leben lang kümmert sie sich auch hier um Menschen, die
sie brauchen. "Sie hatte kaum Medikamente, konnte aber, so ihre Tochter,
„den Leuten ein gutes Wort geben und ... nett zu ihnen [sein]."
Vergebens versucht sie Anfang Oktober 1944 Esther, die in Theresienstadt
geheiratet hatte, daran zu hindern, ihrem Mann in ein vermeintliches Arbeitslager
nachzureisen. Es ist ein Transport nach Auschwitz. Esther überlebt.
Marie Jonas wird wenig später nach Auschwitz deportiert und dort
ermordet.
Sabine Brunotte, Stadtteilarchiv
Eppendorf
Stolpersteine
Die
Arbeitsgruppe "Stolpersteine" sucht Erinnerungen, Geschichten,
Fotos, die uns etwas über das Schicksal der Menschen hinter den Eppendorfer
Stolpersteinen erzählen können. Sie waren Schulfreunde, Arbeiter,
Ärzte, Ladenbesitzer, Nachbarn und vieles mehr. Wir freuen uns über
jeden kleinen Hinweis. Die Ergebnisse unserer Recherche werden wir veröffentlichen.
©
2009 Kulturhaus Eppendorf |